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Was bewirken Pferde in der Therapie?

Pferde begleiten uns Menschen schon seit Jahrtausenden. Früher trugen sie uns durch die Welt, sie bestellten unsere Felder und revolutionierten unsere Mobilität. Sie haben unsere Kulturgeschichte geprägt wie kaum ein anderes Lebewesen.

Heute, in einer Welt, die immer schneller, digitaler und oft unruhiger wird, tragen Pferde etwas ganz anderes für uns: sie tragen unsere Emotionen, unsere Sehnsüchte und manchmal auch unsere schwersten Sorgen. In der Therapie, Pädagogik und persönlichen Entfaltung haben sie sich längst einen festen Platz in unseren Herzen erobert.

Aber was genau passiert da eigentlich zwischen Mensch und Pferd? Ist das rein subjektive Magie, die wir da spüren, oder lässt sich dieses feine Band auch wissenschaftlich erklären?

Die kurze Antwort vorweg: Ja, die Wissenschaft bestätigt heute das, was viele von uns im Herzen längst wissen. Pferdegestützte Interventionen können eine wunderbare Stütze für uns Menschen sein. Gleichzeitig bleibt die Forschung auf diesem Gebiet vergleichsweise jung – und genau deshalb lohnt sich ein ehrlicher, wissenschaftlich fundierter Blick darauf.


Biophilie: Warum die Natur und das Leben uns heilen

Um zu verstehen, warum Pferde eine so tiefe Wirkung auf uns haben, lohnt sich ein Blick auf die sogenannte Biophilie-Hypothese. Der Begriff Biophilie bedeutet übersetzt so viel wie „die Liebe zum Lebendigen“. Der Biologe Edward O. Wilson beschrieb damit die angeborene, tief in unserer Evolution verankerte Neigung des Menschen, die Nähe zur Natur und zu anderen Lebewesen zu suchen.


Über Jahrmillionen hat der Mensch im Einklang mit der Natur, Pflanzen und Tieren gelebt. Unser Nervensystem ist genau darauf gepolt. Wenn wir uns heute in der Nähe eines Pferdes aufhalten, geschieht auf biologischer Ebene etwas Erstaunliches:


Das stetige Kauen, das ruhige Schnauben und der gleichmässige Herzschlag eines entspannten Pferdes können unserem Gehirn ganz unbewusst signalisieren: „Keine Gefahr. Hier bist du sicher.“ Die Biophilie erklärt, warum allein das Berühren von weichem Fell, das Riechen von Heu und die frische Luft in der Natur unsere Stresshormone sinken lassen und Glückshormone freisetzen. Pferde holen uns aus der oft isolierten Mensch-Mensch- oder Mensch-Bildschirm-Welt heraus und verbinden uns wieder mit dem grossen Ganzen.



Warum Pferde unsere Herzen (und unser Verhalten) bewegen


Erinnere dich einmal an den Moment, in dem du einem Pferd begegnest und spürst, wie die Hektik des Tages langsam von dir abfällt. Pferde werten nicht. Sie interessieren sich weder für unseren Lebenslauf noch dafür, ob wir gerade perfekt funktionieren. Für sie zählt einzig der jetzige Augenblick.

Sie besitzen eine erstaunliche Antenne für Körpersprache, innere Unruhe und Atemfrequenz. Das Pferd passt sein Verhalten unmittelbar an das an, was es in uns spürt. Es schwingt mit unserer Energie mit und schenkt uns ein ehrliches Feedback – immer frei von Urteilen oder Erwartungen. Durch diese unmittelbare Abstimmung entstehen Momente, die in klassischen Therapieräumen oft schwer zu erreichen sind.

Gerade wenn Worte fehlen oder das Sprechen schwerfällt, schenkt die Begegnung mit dem Pferd einen ungezwungenen Weg zu sich selbst. Die Masken dürfen fallen, der Druck zu „funktionieren“ löst sich auf. Wir reden nicht nur über Veränderung, wir erleben sie direkt im gemeinsamen Tun.

Was sagt die Forschung? Ein Blick auf die Daten

Die Wissenschaft hat begonnen, die Wirkung von pferdegestützten Interventionen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse sind ermutigend und zeigen, wo die Reise hingeht.

Wenn wir einen Blick in die Forschung werfen, wird sichtbar, wie vielfältig die pferdegestützte Begleitung wirkt – auch wenn jede Geschichte ganz individuell geschrieben wird.

Besonders deutlich zeigt sich das bei Menschen im Autismus-Spektrum. Hier ist die wissenschaftliche Studienlage aktuell am stärksten. Systematische Übersichtsarbeiten wie jene von Trzmiel und dem Forschungsteam (2019) sowie die Pionierarbeiten von Gabriels und Kolleg:innen (2015) beschreiben eindrücklich, wie die Begegnung mit Pferden das soziale Miteinander und die Kommunikation berühren kann. Viele Betroffene blühen im Zusammensein mit dem Pferd regelrecht auf, finden einen spürbar entspannteren Zugang zu ihrer Umwelt und fassten neues Vertrauen. Auch wenn rein kognitive oder motorische Effekte wissenschaftlich noch differenziert betrachtet werden, ist der emotionale und soziale Herzensgewinn unübersehbar.

Auch für Menschen, die mit den schweren Nachwirkungen von Trauma und PTBS leben, schenken Pferde wertvolle Impulse. Traumatische Erfahrungen hinterlassen oft ein tiefes Ungleichgewicht im Nervensystem. Wie eine umfassende Meta-Analyse von Aranda-García und Team (2023) verdeutlicht, kann die pferdegestützte Begleitung dazu beitragen, PTBS-Symptome spürbar zu lindern. Das sanfte, im Hier und Jetzt verankerte Wesen des Pferdes hilft Betroffenen, Schritt für Schritt wieder ein Gefühl von echter Sicherheit im eigenen Körper zu finden. Auch wenn die Wissenschaft betont, dass wir noch mehr Langzeitstudien brauchen, sind diese Ergebnisse ein wunderschöner Hoffnungsschimmer.

Wenn es um die allgemeine emotionale Balance und psychische Gesundheit geht, beobachten Forschende wie Kendall und ihr Team (2015) immer wieder, wie der Kontakt zu Pferden unseren Stresspegel senken kann. Das Beisammensein stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und hilft dabei, auch mit schwierigen Gefühlen sanft umzugehen. Da die Studien in diesem Feld mit ganz unterschiedlichen Methoden und Zielgruppen arbeiten, gibt es wissenschaftlich kein starr vorgegebenes „Rezept“ für jedes Thema. Und das ist auch gut so – denn genau wie jedes Pferd seine eigene Seele hat, ist auch jeder Mensch auf seiner Reise einzigartig.


Die Wirkfaktoren: Warum tut uns diese Begegnung eigentlich so gut?

In der Wissenschaft geht man heute davon aus, dass es nicht das eine Geheimnis ist, das die Magie ausmacht. Vielmehr ist es ein feines Zusammenspiel verschiedener Bausteine, die greifen, wenn Mensch und Pferd aufeinandertreffen.

Da ist zum einen die unglaubliche, feinfühlige Resonanz dieser Tiere. Pferde reagieren blitzschnell auf kleinste Nuancen unserer Körpersprache, unserer Muskelspannung und Atmung – sie schenken uns eine feine Antwort auf das, was wir im Inneren mitbringen. Wenn wir dann erleben, wie wir einem so großen, kraftvollen Wesen auf Augenhöhe begegnen und auf sanfte Weise mit ihm kommunizieren können, geschieht etwas Wundervolles: Wir spüren eine tief greifende Selbstwirksamkeit und gewinnen Schritt für Schritt das Vertrauen in unsere eigene Kraft zurück.

Hinzu kommt das ganzheitliche Erleben mit all unseren Sinnen. Die rhythmische Bewegung des Pferdes, der Duft nach Heu, die frische Luft in der Natur – unsere tief verankerte Biophilie – und das Tasten der samtweichen Nüstern sprechen Körper, Geist und Seele gleichzeitig an.

Doch das vielleicht Wichtigste dabei ist: Diese heilsame Wirkung entsteht nie durch das Pferd allein. Erst im harmonischen Dreieck aus dem Pferd als feinfühligem Partner, einer professionellen, empathischen Fachperson und einem geschützten Rahmen, in dem du dich absolut sicher fühlen kannst, wird echte Veränderung möglich.


Kein Wundermittel – sondern eine Brücke von Herz zu Herz

Bei all der Begeisterung bleiben wir ehrlich: Pferdegestützte Interventionen sind kein magisches Allheilmittel und ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Aber sie können etwas ganz Wundervolles sein: Eine Brücke. Eine kraftvolle, berührende Ergänzung, die dich auf deinem ganz persönlichen Entwicklungsweg begleitet und dir neue Impulse schenkt.


Bei Equimotion Schweiz (Connexa) suchen wir nicht nach spektakulären Heilungsversprechen. Uns liegt die echte, ehrliche Begegnung am Herzen.

Wir knüpfen an die Jahrtausende alte Geschichte zwischen Mensch und Pferd an und lassen Raum für das, was die Natur uns durch die Biophilie schenkt. Wir sehen das Pferd nicht als „Therapieinstrument“ oder Werkzeug, sondern als vollkommenen, feinfühligen Partner auf Augenhöhe. Gemeinsam mit unserer fundierten fachlichen Begleitung schaffen wir Räume, in denen Entfaltung passieren darf – achtsam, respektvoll und genau in deinem Tempo.


Weiterführende Quellen

Wilson, E. O. (1984). Biophilia. Harvard University Press.

Beetz, A., Uvnäs-Moberg, K., Julius, H., & Nimer, J. (2012). Psychosocial and psychophysiological effects of human-animal interactions: the possible role of oxytocin. Frontiers in Psychology, 3, 234.

Trzmiel, T., Purandare, B., Michalak, M., Tsiakiri, A., & Szamborski, S. (2019). Equine-assisted activities and therapies in children with autism spectrum disorder: A systematic review and a meta-analysis. Complementary Therapies in Medicine, 42, 104–113.

Gabriels, R. L., Pan, Z., De primary, B., Agnew, J. A., & Lauderdale-Littin, S. (2015). Randomized Controlled Trial of Therapeutic Horseback Riding in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 54(7), 541–549.

Aranda-García, S., Herrera-González, E., & Rodríguez-López, C. (2023). Equine-Assisted Therapy in Post-Traumatic-Stress Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Equine Veterinary Science, 126, 104288.

Kendall, E., Maujean, A., Pepping, C. A., Downes, M., Lakhani, A., Byrne, J., & Macfarlane, K. (2015). A systematic review of the efficacy of equine-assisted interventions on psychological outcomes. Drug and Alcohol Review, 34(1), 57–69.


 
 
 

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