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Dem Trauma auf der Spur: Was im Körper passiert und wie Pferde heilen helfen

20. Aug.
4 Min. Lesezeit

Was passiert eigentlich bei einem Trauma?

Was geht dir durch den Kopf, wenn du das Wort «Trauma» hörst? Denkst du an dramatische Autounfälle, Katastrophen oder Gewalt? Solche extremen Ereignisse sind meist das Erste, was uns einfällt. Doch ein Trauma ist weitaus vielschichtiger – und es betrifft im Verborgenen viel mehr Menschen, als wir ahnen.

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Ein traumatisches Erlebnis bedeutet keineswegs, dass ein Mensch für immer psychisch krank bleibt. Aber was genau geschieht in solchen Sekunden der Not in unserem Körper? Und warum besitzen ausgerechnet Pferde die erstaunliche Fähigkeit, uns bei der Heilung dieser tiefen, unsichtbaren Wunden zu begleiten?

Mehr als nur eine schlechte Erinnerung

Das Wort «Trauma» stammt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht «Verletzung». Gemeint ist jedoch keine sichtbare Wunde der Haut, sondern eine tiefgreifende Erschütterung der Seele. Sie entsteht in Augenblicken, die unser gesamtes System schlagartig fluten und überfordern: Wir fühlen uns gelähmt, ausgeliefert und erleben einen absolut existenziellen Kontrollverlust.

Die Psychologie unterscheidet dabei primär zwei Formen:

  • Typ-I-Trauma: Ein einmaliges, unvorhersehbares Schockereignis wie ein schwerer Verkehrsunfall, ein Brand oder eine Naturkatastrophe.

  • Typ-II-Trauma: Eine Serie von belastenden Erfahrungen über einen langen Zeitraum. Jahrelange emotionale Vernachlässigung, ständige Entwertung oder anhaltende Konflikte in der Kindheit brennen sich tief in die Seele ein.


Der Alarmzustand im Kopf: Was im Nervensystem geschieht

Rund 60 % aller Menschen erleben im Laufe ihres Lebens mindestens ein traumatisches Ereignis. Dennoch entwickelt nur ein Teil von ihnen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Eine PTBS zeigt sich oft erst Wochen oder gar Monate später durch quälende Symptome:

  • Flashbacks & Träume: Unwillkürliche Erinnerungen überfluten Betroffene. Das Trauma wird nicht als Vergangenheit erinnert, sondern im Hier und Jetzt erneut durchlebt.

  • Vermeidungsverhalten: Orte, Geräusche oder Situationen, die an das Erlebte erinnern könnten, werden unter enormem Kraftaufwand gemieden.

  • Chronische Hypervigilanz: Schlafstörungen, extreme Schreckhaftigkeit, Herzrasen und eine ständige innere Notfall-Anspannung bestimmen den Alltag.

Der Grund für diesen Dauerstress liegt tief in unserer Evolution. Geraten wir in Gefahr, übernimmt unser Stammhirn blitzschnell das Kommando. Noch bevor unser bewusstes Denkzentrum (der Neokortex) die Lage erfassen kann, schlägt die Amygdala – das Angstzentrum im Gehirn – Alarm. Der Körper wird von einem Hormonschwall aus Adrenalin und Cortisol überschüttet. Herzschlag und Atmung rasen. Der Körper rüstet sich für Kampf (Fight) oder Flucht (Flight). Ist beides unmöglich, greift ein uralter Schutzreflex: das Erstarren (Freeze).

Normalerweise beruhigt sich das Nervensystem wieder, sobald die Gefahr vorüber ist. Bei einem Trauma passiert jedoch etwas Entscheidendes: Die extreme Stresshormon-Ausschüttung blockiert den Hippocampus – jene Gehirnstruktur, die wie ein Verzeichnis-Katalog dafür sorgt, dass Erlebnisse zeitlich geordnet abgelegt werden. Die Erfahrung bleibt fragmentiert im Nervensystem «stecken». Das Gehirn bleibt in einer Dauerschleife gefangen. Ein unbedeutender Reiz im Alltag – ein Geruch oder ein Geräusch – reicht aus, um die Amygdala erneut feuern zu lassen und die alte Panik sofort wieder auszulösen.



Warum ausgerechnet Pferde die Seele heilen können

Alle Säugetiere teilen grundlegende neurobiologische Empathie- und Stressmuster. Wenn sozial lebende Tiere wie Pferde von ihren Familien getrennt werden, zeigen sie exakt dieselben biologischen Stress- und Trauma-Symptome wie ein verlassenes Kind. Pferde verstehen Angst, Panik und das Ringen um Sicherheit aus ihrer ureigenen Natur heraus.

Dass Pferde bei der Traumaverarbeitung so unglaublich wirkungsvoll helfen können, liegt an ihren faszinierenden physiologischen Fähigkeiten:

  • Sie lesen das Nervensystem, nicht die Fassade: Als Fluchttiere hängt das Überleben von Pferden seit Jahrtausenden davon ab, kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt blitzschnell zu registrieren. Sie lesen Atemmuster, Muskelanspannung und Herzfrequenz auf Distanz. Wenn ein Mensch nach aussen beherrscht wirkt, innerlich aber von Panik erfüllt ist, spiegelt das Pferd diese Unstimmigkeit (Inkongruenz) augenblicklich wider.


  • Neurobiologische Co-Regulation: Über den Vagusnerv sucht das menschliche Nervensystem unbewusst nach Signalen von Sicherheit in seiner Umgebung. Die ruhige Präsenz, der verlangsamte Atemtakt und die Herzkohärenz eines entspannten Großtiers wirken beruhigend auf den Menschen. Der direkte Kontakt senkt nachweislich den Cortisolspiegel und regt die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin an. Das überreizte Nervensystem lernt wieder: Ich bin genau jetzt in Sicherheit.


  • Wertfreies Feedback im Hier und Jetzt: Pferde urteilen nicht. Sie kümmern sich nicht um Leistung, Diagnosen oder die Vergangenheit. Ihre Rückmeldung ist im gegenwärtigen Moment verankert. Sie machen innere Blockaden spürbar, ohne dass Betroffene sie mühsam in Worte fassen müssen.


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Weiterführende Literatur & Quellen:

  • van der Kolk, B. (2015): Das Trauma in dir: Wie Geist und Körper Trauma verarbeiten und wie man es heilen kann. Ullstein Buchverlage.

  • Levine, P. A. (2011): Sprache ohne Worte: Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. Kösel-Verlag.

  • Porges, S. W. (2010): Die Polyvagal-Theorie: Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Junfermann Verlag.

  • Terr, L. C. (1991): Childhood traumas: An outline and overview. American Journal of Psychiatry, 148(1), 10–20.

  • Beetz, A., et al. (2012): Psychosocial and psychophysiological effects of human-animal interactions: The possible role of oxytocin. Frontiers in Psychology, 3, 234.

 
 
 

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