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Was ist Reittherapie?

Wenn Menschen zum ersten Mal von Reittherapie hören, entsteht oft ein ganz bestimmtes Bild: Jemand sitzt auf dem Rücken eines Pferdes. Dieses Bild ist nicht falsch und es erzählt nur einen kleinen Teil der Geschichte.


Denn pferdegestützte Interventionen sind weit mehr als das Reiten selbst. Sie leben von der Begegnung zwischen zwei Lebewesen, von Vertrauen, Beziehung und von den vielen kleinen Momenten, in denen Entwicklung geschieht, ohne dass man sie erzwingen kann.Genau deshalb sprechen wir heute in der Fachwelt immer häufiger von pferdegestützten Interventionen statt ausschliesslich von „Therapeutischem Reiten“ bzw. "Reittherapie". Der Begriff macht deutlich, worum es wirklich geht: Nicht um eine rein sportliche Aktivität auf dem Pferd, sondern um die besondere Kraft der biopsychosozialen Verbindung zwischen Mensch und Pferd.



Wo Veränderung wirklich beginnt

Oft beginnt die eigentliche Arbeit lange bevor jemand im Sattel sitzt. Sie beginnt auf der Weide, wenn ein Mensch einem Pferd zum ersten Mal begegnet. Beim gemeinsamen Weg zurück in den Stall. Beim vorsichtigen Auflegen des Halfters. Beim Putzen des Fells, wenn aus anfänglicher Unsicherheit langsam Vertrauen wächst. Es sind diese scheinbar einfachen Momente, die oft die grösste Wirkung entfalten.

Das Pferd begegnet uns ohne Vorurteile, ohne Erwartungen und ohne Bewertungen. Es interessiert sich nicht für Noten, Diagnosen, gesellschaftlichen Status oder äussere Erscheinungen. Viele Menschen erleben die Begegnung mit dem Pferd als wertfrei und nicht bewertend. Diese Erfahrung kann Bedingungen fördern, die therapeutisches Wachstum unterstützen. Das Pferd reagiert allein auf das, was wir in diesem Moment ausstrahlen. Für viele Menschen ist das eine korrigierende Beziehungserfahrung, die sie im von Leistungsdruck geprägten Alltag nur selten machen.

Pferde spüren, was Worte oft verbergen

Als Flucht- und Herdentiere verfügen Pferde über eine aussergewöhnlich feine, evolutionär geschärfte Wahrnehmung. Sie registrieren neurobiologisch und visuell kleinste Veränderungen in unserer Körpersprache. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen unserer Bewegungen, Körperspannung und oft auch auf Anzeichen von Anspannung oder Ruhe. Wer versucht, Stärke auszustrahlen, obwohl er sich innerlich unsicher fühlt, erlebt häufig, dass das Pferd genau diese Inkongruenz wahrnimmt. Wer gestresst ist, aber nach aussen Ruhe zeigen möchte, erhält oft eine unmittelbare Rückmeldung.

In der Praxis pferdegestützter Interventionen wird das Pferd häufig als ‚Spiegel‘ beschrieben, weil es sensibel auf Körpersprache, Spannung und Verhalten reagiert. Dabei urteilt das Pferd nicht. Es kritisiert nicht und stellt keine Forderungen. Es zeigt lediglich ehrlich und unverfälscht, was gerade da ist. Gerade darin liegt eine besondere therapeutische Chance: Klienten kommen über das Tier wieder in Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Sie lernen über die Fremdwahrnehmung des Pferdes, sich selbst bewusster wahrzunehmen und authentisch zu handeln.

Beziehung, Verantwortung und Selbstvertrauen

Die Zeit mit dem Pferd schenkt aber nicht nur emotionale Erfahrungen. Sie fordert auch Verantwortung, kognitive Struktur und Verlässlichkeit. Ein Pferd braucht Pflege, Versorgung und Aufmerksamkeit. Das Futter muss vorbereitet, der Stall versorgt und das Tier gepflegt werden. Jede dieser praktischen Aufgaben im Stallalltag vermittelt das psychologisch wertvolle Gefühl der Selbstwirksamkeit. Viele Menschen entdecken dabei Fähigkeiten an sich, die sie längst vergessen oder sich nie zugetraut haben.



Wenn das Pferd trägt

Und natürlich kann auch das Reiten selbst Teil des Prozesses sein. Wenn sich Mensch und Pferd gemeinsam in Bewegung setzen, entsteht oft ein Gefühl von Getragenwerden – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Aus neurobiologischer und physiotherapeutischer Sicht passiert hierbei etwas Faszinierendes: Die rhythmische, dreidimensionale Bewegung des Pferderückens im Schritt überträgt pro Minute etwa 90 bis 110 Schwingungsimpulse auf das menschliche Becken. Diese Impulse ähneln in wesentlichen Aspekten dem menschlichen Gangbild. Das Gehirn des Klienten lernt und entspannt sich über diese Bewegung.

Einige Studien deuten darauf hin, dass der intensive Körperkontakt und die Wärme des Tieres dazuführen, dass das Stresshormon Cortisol und das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet werden. Dies führt zu tiefer emotionaler Entspannung, Sicherheit und innerer Ruhe.

Doch nicht die Bimechanik allein macht diesen Moment so wertvoll. Es ist das Bewusstsein, dass dieses grosse, kraftvolle Tier den Menschen trägt, ihm vertraut und sich auf ihn einlässt. Für viele Klientinnen und Klienten wird genau diese Verbindung zu einer tief berührenden, stabilisierenden Erfahrung.

Wissenschaftlich fundiert – menschlich berührend

Die positiven Wirkungen pferdegestützter Interventionen werden inzwischen durch zahlreiche internationale Studien und Metaanalysen untersucht und beschrieben. Forschungsergebnisse weisen unter anderem auf messbare Effekte in den Bereichen Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen, soziale Kompetenzen und emotionale Selbstregulation hin. Für einzelne Anwendungsbereiche, etwa bei Multipler Sklerose, wurde pferdegestützte Therapie in medizinischen Leitlinien berücksichtigt. Doch wer einmal erlebt hat, wie ein verschlossenes Kind plötzlich zu erzählen beginnt, wie ein ängstlicher Mensch wieder Vertrauen fasst oder wie ein gestresster Erwachsener zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich zur Ruhe kommt, versteht schnell: Nicht alles, was wirkt, lässt sich vollständig in nackten Zahlen ausdrücken. Die Wissenschaft hilft uns zu verstehen, warum pferdegestützte Interventionen funktionieren. Ihre wahre Kraft zeigt sich jedoch in den echten Begegnungen, die daraus entstehen.

Ein Beruf mit Verantwortung

Pferdegestützte Interventionen sind deshalb weit mehr als „Reiten für Menschen mit Handicap“. Sie sind eine ganzheitliche Form der Begleitung, Förderung und Entwicklung, die den Menschen in seiner Gesamtheit – körperlich, geistig und seelisch – anspricht.

Gleichzeitig tragen wir eine grosse Verantwortung – für die Menschen, die uns ihr Vertrauen schenken und für die Pferde, die diesen Weg als sensible Partner mit uns gehen. Deshalb braucht es weit mehr als Tierliebe allein. Es braucht fundiertes Fachwissen, ein tiefes Verständnis von Psychologie, Pädagogik und Ethologie (Verhaltenskunde) sowie eine qualifizierte Ausbildung, um diese Prozesse sicher, wirksam und absolut pferdegerecht zu gestalten.


Denn am Ende geht es nicht um das Reiten. Es geht um Begegnung, Vertrauen, Entwicklung und um die besondere Fähigkeit der Pferde, uns manchmal näher zu uns selbst zu führen, als wir es allein jemals könnten.


Weiterführende wissenschaftliche Literatur:

  • Germann-Tillmann, P. et al. (2019): Tiergestützte Interventionen: Ein Lehrbuch für die Praxis. Bern: Hogrefe.

  • TU Braunschweig / Riedel, M. (2013): Wirksamkeit von Reittherapie bei Kindern mit ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Institut für Pädagogische Psychologie.

  • Julius, H. et al. (2014): Bindung zu Tieren: Warum Tiere uns guttun. Neurobiologische und psychologische Hintergründe.

 
 
 

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