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Wie sieht der Alltag in der pferdegestützten Arbeit wirklich aus?

Hand aufs Herz: Wenn du an den Beruf einer reittherapeutischen Fachkraft – welches Bild hast du vor Augen? Wahrscheinlich eine idyllische Szene im goldenen Abendlicht. Ein Klient putzt friedlich ein tiefenentspanntes Pferd, im Hintergrund zwitschern die Vögel, und über allem liegt eine fast meditative Ruhe. Ja, diese magischen Momente gibt es. Sie sind der Grund, warum wir diesen Job von ganzem Herzen lieben und warum er uns so tief berührt. Und die Realität hinter den Kulissen ist vielseitiger, bunter und oft auch sehr viel bodenständiger, als es auf Hochglanz-Flyern aussieht. Das Spannendste vorweg: Den „einen“ typischen Alltag gibt es nicht. Jeder Tag schreibt seine eigene Geschichte. Wir nehmen dich mit hinter die Kulissen und zeigen dir, wie facettenreich das Leben in diesem Beruf wirklich ist. Abseits von Klischees, mitten im echten Leben.



Morgens Gummistiefel, abends Business-Look

Weil du als pferdegestützte Fachkraft flexibel auf das Wetter, die Tagesform deiner Pferde und die individuellen Bedürfnisse deiner Klienten eingehen musst, gleicht selten ein Tag dem anderen. Dein Alltag bewegt sich ständig in einem spannenden Dreieck aus ganz unterschiedlichen Welten. Alles beginnt mit der Welt des Pferdes, die gleichzeitig dein Fundament und dein bester Wecker ist. Bevor der erste Klient den Hof betritt, bist du vor allem eins: Pferdemensch. Deine vierbeinigen Partner sind keine Sportgeräte und keine seelenlosen Co-Therapeuten, die man nach Feierabend einfach wegsperrt. Sie sind das Herzstück deiner Arbeit. Der Morgen startet meistens mit Stallgeruch, dem Füttern, Misten und einem gründlichen Gesundheits-Check. Hat sich jemand auf der Weide eine Schramme geholt? Stimmt die Verdauung?


Zur Welt des Pferdes gehört aber auch die Seelenpflege für das Tier. Ein Therapiepferd, das stundenlang im Schritt geht oder schwere Emotionen von Klienten spiegelt und direktes unverfälsschtes Feedback gibt, braucht einen echten Ausgleich. Deshalb stehen regelmässig Tage auf dem Programm, an denen keine Therapie stattfindet, sondern ein knackiger Ausritt im Wald, Freiarbeit im Roundpen oder einfach mal das Nichtstun mit den Kumpels auf der Weide. Nur ein mental und physisch ausbalanciertes Pferd kann ein sicherer Partner in der Therapie sein.



Wenn die Welt des Menschen das Zepter übernimmt

Sobald die Klienten den Hof betreten, wechselst du die Rolle. Jetzt bist du Therapeut, aufmerksamer Zuhörer und der Fels in der Brandung. In diesen Begegnungen zeigt sich die ganze Bandbreite des Lebens. Am Vormittag begegnet dir vielleicht die lebendige Welt der pferdegestützten Pädagogik, wenn eine Gruppe von Primarschülern den Hof aufwirbelt. Es ist laut, dynamisch und voller Bewegung. Da ist zum Beispiel das Kind, das in der Schule kaum fünf Minuten stillsitzen kann und plötzlich hochkonzentriert und mit stolz geschwellter Brust einen schweren Freiberger durch einen engen Parcours führt.


Am Nachmittag folgt dann oft die tiefe, emotionale Seelenarbeit in einem Einzelsetting, beispielsweise mit einer erwachsenen Klientin, die mitten im Burnout steckt. Hier herrscht plötzlich absolute Stille und es braucht keine Worte. Die Klientin legt einfach nur den Kopf an den warmen Hals des Pferdes, Tränen fliessen, das Pferd atmet tief aus, kaut und spendet genau den Trost, den kein Mensch in Worte fassen könnte. Zum Abend hin wartet vielleicht noch ein Führungskräfte-Coaching. Ein Manager im feinen Zwirn betritt den Platz, gewohnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzen. Doch das Pferd bewegt sich keinen Millimeter, weil Druck hier nicht funktioniert, sondern nur echte, authentische Präsenz. Ein bleibendes Aha-Erlebnis für den Manager – und ein faszinierender Moment für dich als Therapeut.


Die unsichtbare Arbeit am Schreibtisch

Wer glaubt, man kuschelt in diesem Beruf den ganzen Tag nur Pferde, der täuscht sich. Ein erfolgreicher Betrieb braucht Struktur, und wenn es draussen dunkel wird, wartet die Welt des Büros. Jede Sitzung muss sorgfältig dokumentiert werden. Was hat das Pferd gezeigt? Welche Fortschritte macht der Klient? Das ist besonders wichtig für den Austausch mit Ärzten, Behörden oder wenn es um die Überprüfung von Qualitätsstandards für Verbände und Krankenkassen geht.


Hinzu kommt das klassische Unternehmertum. Rechnungen müssen geschrieben, die Website aktualisiert und Telefonate mit Neuklienten geführt werden. Auch die Organisation im Hintergrund, vom Bestellen des Heus bis hin zur Koordination von Hufschmied und Tierarzt, läuft komplett über deinen Tisch.



Flexibilität als deine wichtigste Superkraft

Wenn du einen Job suchst, bei dem du morgens genau weisst, was dich bis zum Feierabend erwartet, ist die pferdegestützte Arbeit vermutlich die falsche Wahl. Denn du arbeitest mit zwei absolut lebendigen Systemen: dem Menschen und dem Pferd. Das erfordert ein hohes Mass an Improvisationstalent. Schüttet es plötzlich wie aus Eimern, wird die geplante Session auf dem Reitplatz spontan in die Stallgasse verlegt. Das gemeinsame Putzen und das Spüren der Körperwärme des Pferdes können schliesslich genauso tiefgründig sein.


Genauso flexibel musst du reagieren, wenn dein Haupt-Therapiepferd am Morgen feine Zeichen von Unlust oder Verspannung zeigt. Dann planst du sofort um, denn das Wohl des Tieres steht immer an erster Stelle. Heute wird eben nicht geritten, sondern vom Boden aus gearbeitet oder ein anderes Pferd springt ein. Genau diese Unvorhersehbarkeit macht den Beruf so unglaublich lebendig, spannend und erfüllend. Langeweile ist hier ein absolutes Fremdwort.


Ein Beruf für Kopf, Herz und Hände

Der Alltag in der pferdegestützten Arbeit ist eine wunderschöne und auch intensive Mischung aus körperlicher Arbeit im Stall, strategischem Denken im Büro und tiefgehender, emotionaler Arbeit mit Menschen. Er fordert dich als ganze Persönlichkeit und belohnt dich mit Momenten, die man mit Geld nicht bezahlen kann. Wenn du die Abwechslung liebst, gerne flexibel auf neue Situationen reagierst, wetterfest bist und ein tiefes Gespür für Mensch und Tier mitbringst, dann ist dieser Beruf kein gewöhnlicher Job – sondern eine echte Berufung.


Und jetzt zu dir: Kannst du dich darin wiederfinden? Welcher Teil dieses abwechslungsreichen Alltags fasziniert dich am meisten? Schreib es uns in die Kommentare!

 
 
 

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